Läuft wie cashmeret

Man spürt es derzeit schon am Wetter: Der Herbst ist unaufhaltsam unterwegs. So langsam sehnen wir uns nach dem smarten Pullover oder dem flauschigen Schal, die wir im Frühjahr in die hintersten Ecken des Kleiderschranks verbannt hatten. Vorbei die Zeiten unserer Kindheit, als wir Ommas gestrickte Pudelmütze aus kratziger Wolle tragen mussten, wenn wir keinen Ärger mit unseren Eltern wollten: Die herrliche Cashmere-Wolle umfließt unseren Körper so sanft wie eine warme Brise.

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Wer einmal Cashmere getragen hat, weiß: Es lohnt sich. Die Ziegen werden dem zustimmen: Aus ihrem weichen Unterhaar der Halsregion wird die Wolle nämlich gewonnen. Seit etwa 1000 vor Christus wird Kleidung aus den Haaren der Wollziegen in den Naturfarben Weiß, Grau, Braun und Schwarz hergestellt. Heute wird das Naturprodukt vor allem in China, der Mongolei, der Türkei und dem Iran sowie dem mittelasiatischen Hochland produziert, aber auch in Zuchtfarmen in Australien, Neuseeland, Schottland und Kirgisistan. Keine Sorge übrigens, die Tiere stört’s nicht: Die Unterwolle wird vor der Verarbeitung einfach mit einem feinen Kamm ausgekämmt, und zwar im Frühling, wo die Ziegen froh sind, etwas Hilfe beim ohnehin anstehenden Fellwechsel zu erhalten. Anschließend wird die Unterwolle von den groben Deckhaaren getrennt, die vor der Verarbeitung sorgfältig aussortiert werden.

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Was die Wolle so wertvoll macht, ist die besondere Feinheit der Haare, die bei geringem Gewicht besonders gute Wärmedämmeigenschaften hat und sich vor allem wunderbar weich anfühlt. Tatsächlich ist sie feiner, weicher, leichter und gleichzeitig robuster als Schafswolle und verfügt über die dreifache Wärmespeicherung. Ein edler, figurbetonter Cashmere-Pullover hält also mindestens ebenso warm wie Ommas schrecklicher Strickpullover aus extrem dicker Wolle, den wir zu Weihnachten bekommen haben.

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Am wertvollsten ist die Wolle ohne anderen Faseranteil (etwa Merino), so weich, leicht und hell wie möglich: Die weißen Fasern nehmen wunderbar Farbe auf. Wer also etwas wagen möchte, muss nicht zu den typischen gedeckten Tönen greifen. Wenn Sie sichergehen wollen, reine Cashmere-Wolle zu erhalten, muss das Produkt die Bezeichnung „100 % Cashmere“ tragen. Lautet sie lediglich „Cashmere“, so muss der Anteil immernoch 85 % betragen.

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Vielleicht die Königsklasse der Edelwollprodukte sind maßgefertigte Mäntel aus Cashmere. Der unverzichtbare Begleiter für die kühleren Tage hält kuschelig warm und unterstreicht die Figur gleichzeitig auf die bestmögliche Weise, denn er trägt nicht auf und passt zum Anzug ebenso optimal wie zum casual Outfit.

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Das Kleidungsstück, das die Cashmere-Wolle so richtig populär machte, war übrigens – ganz profan – ein Paar Socken! Im 14. Jahrhundert schenkte nämlich der Perser Mir Ali Hamadani dem Sultan von Kaschmir ein paar wollene Strümpfe, nachdem er die besondere Weichheit der Wolle erkannt hatte. Dieser war von dem Präsent und dessen Wirkung auf seine Füße so begeistert, dass er im Anschluss eine Schalwebeindustrie aus dem Boden stampfte – nicht zuletzt dank des Knowhows seines persischen Gasts. So trat das Gewebe seinen Siegeszug an, bis es sogar von Napoleon favorisiert wurde…

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Der Duft der Karriere

Bekanntlich wird der erste Eindruck, den wir von einer Person haben, ganz intensiv – wenn auch unterbewusst – durch Geruch beeinflusst. Ich erspare Ihnen jetzt einmal die üblichen Metaphern à la „sich riechen können“. Unser Körpergeruch wird direkt vom Limbischen System unseres Gegenübers verarbeitet und spricht dort Urinstinkte an. Hunger, Müdigkeit, aber auch Sexualverhalten nehmen hier ihren Anfang. Oft ohne dass wir bewusst einen Geruch wahrnehmen, kommen die Duftmoleküle hier an und beeinflussen unseren Blick auf die Person uns gegenüber: sypathisch, nervös, dominant… Es liegt also nahe, vor Verhandlungen, Bewerbungsgesprächen oder Dates nicht nur seinem Spiegelbild, sondern auch dem eigenen Geruch besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Gerüche sind gerade auch deshalb so effektiv, weil sie sehr stark mit unserer Erinnerung verknüpft sind. Ein Hauch von Gewürzen reicht aus, um uns in die Weihnachtszeit zu versetzen. Haben wir in bestimmten Lebenssituationen einen intensiven Geruch wahrgenommen, werden wir uns – riechen wir ihn künftig – immer wieder an diese Situation und vor allem die damit verbundenen Gefühle erinnern.

Und nicht nur das, Gerüche können unser Gehirn auch beeinflussen. So fördert etwa Zitronenaroma die Konzentration und Lavendel die Denkleistung.

Geruch war evolutionsbiologisch für Menschen überlebenswichtig. Kann ich das essen? Soll ich das anfassen? Wie gehe ich mit meinem Gegenüber um? Der menschliche Körper sendet über Pheromone und Sozialhormone eindeutige Botschaften aus, die das Urteil unseres Gegenübers stark beeinflussen. Ein Beispiel: Gibt man Menschen das Pheromon Androstenol (wichtigste Botschaft: Jugend und Fruchtbarkeit) zu riechen, so schätzen sie andere als intelligenter, attraktiver, freundlicher und vertrauenswürdiger ein. Riecht ein Mann hingegen nach Dominanz, so wirkt dies in der Regel auf Frauen attraktiv, auf andere Männer eher bedrohlich. Forscher untersuchten dieses Phänomen in einem US-Gefängnis, wo die „schweren Jungs“, die eine Führungsrolle einnahmen, besonders viel des entsprechenden Soziohormons versprühten.

Aber auch mit künstlichen Gerüchen können wir die Wahrnehmung unseres Gegenübers stark beeinflussen. Dies wird überraschenderweise von Männern nicht nur stärker wahrgenommen, sondern diese reagieren auch intensiver darauf.

Wer sich für eine Führungsposition bewirbt, tut gut daran, auch einen starken  Duft zu tragen – das heißt nicht, dass viel aufgetragen werden soll! Noten wie Holz, Moschus, Leder oder Tabak sprechen für den souveränen Mann. Der dynamische Vertriebler verträgt außerdem gut dezente Zitrusnoten sowie Aqua und Minze. Eine ruhige, entspannte Atmosphäre verbreitet man mit Lavendel, Gräsern, Salbei, Thymian oder grünem Tee.

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Egal, welche Note man wählt, es sollte ein hochwertiger Duft sein und man darf niemals zu viel auftragen. Man unterscheidet dabei zwischen Extrait Parfum (15-40 % Duftölanteil), Eau de Parfum (10-14 % Duftölanteil, geringe Flüchtigkeit, sehr sparsam verwenden), Eau de Toilette (6-9 % Duftölanteil, flüchtiger) und Eau de Cologne (3-5 % Duftölanteil, sehr flüchtig). Ein gutes Eau de Parfum kann man oft noch am nächsten Tag riechen. Die meisten beliebten Herrendüfte, etwa von Boss oder Davidoff, bauen auf einer maskulin-holzigen Note auf. Wer also etwas Besonderes sucht, sollte ein bisschen Zeit mitbringen und das ganze Regal in Augenschein nehmen.

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Egoisten helfen!

Die Weihnachtszeit (Zyniker würden sagen: die Zeit vor der Steuererklärung) ist auch die Zeit, in der viele Menschen spenden, die sich sonst vielleicht eher zurückhalten. Gerade Prominente starten medienwirksame Kampagnen, sei es für das Kinderhospiz im nächsten Ort oder eine Schule in Afrika. „Die machen das doch sowieso nur für die PR“,  werden viele sagen. Aber ist das wirklich so? Und: Ist das wichtig?

Wenn Frank Zander ein Weihnachtsessen für Obdachlose in Berlin ausrichtet, ganz ohne dass dabei ein neues Album, Buch oder Fernsehereignis promotet werden soll, bekommt man schon den Eindruck, dass er es ehrlich meint. Laut waren auch die Unkenrufe, als Mark Zuckerberg anlässlich der Geburt seines ersten Kindes 3 Milliarden Dollar für medizinische Forschung gegen Krankheiten spendete. Aber das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: DREI MILLIARDEN. Egal wie reich man ist, in der Regel ist man das nicht geworden, weil man gerne Geld verschenkt. Für wirkungsvolle PR hätte es auch ein Bruchteil des Betrages getan. Egal, was man sonst von dem Herrn halten mag – man bekommt den Eindruck, dass er das ernst gemeint hat mit der Aussage, er wolle alle Krankheiten der Welt heilen.

Mit Spenden PR zu machen, ist keine schlechte Sache, im Gegenteil: Es lenkt im Schneeballprinzip die Aufmerksamkeit der Massen auf den guten Zweck. Man mag zynisch behaupten, dass viele Menschen nur spenden, um sich selbst gut zu fühlen. Ich sage: na und? Egoismus ist menschlich. Wir alle sind egoistisch, jeder von uns, wie sehr wir auch dagegen ankämpfen. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Besser ein Egoist, der Befriedigung daraus zieht, anderen zu helfen, als gar nicht zu helfen, oder?

Eine phantastische Veranstaltung, die ich persönlich sehr liebe, ist der Distinguished Gentleman’s Ride. Denn er verbindet drei großartige Dinge miteinander: edle Anzüge, klassische Motorräder und einen guten Zweck. Wer es nicht kennt: Da fahren hunderte von Herren im Anzug gemeinsam auf alten Choppern, Coffee Racern und Co für die Prostatakrebsforschung. Unter ähnlicher Prämisse startet der Tweed Ride, hier geht es jedoch per Rad durch deutsche Städte zugunsten der Kinderkrebshilfe.

Wenn man es zynisch formulieren wollte, würde man sagen: Hier sonnen sich Menschen in großer Gruppe darin, dass sie etwas Gutes tun. Ich sage erneut: na und? Warum sollte man sich nicht gut fühlen dürfen, wenn man in schicker Bekleidung auf einem schicken Mopped an einer Benefizveranstaltung teilnimmt? Je mehr Menschen sich damit gut fühlen und teilnehmen, desto mehr kann geholfen werden. Und ja, auch der Gedanke an die Steuererklärung ist erlaubt!

Wenn das Egoismus ist, dann lade ich Sie zu Weihnachten ein: Seien Sie egoistisch! Denken Sie an Ihre Steuererklärung! Sonnen Sie sich in dem Gedanken, etwas Selbstloses getan zu haben! Und vor allem: Holen Sie 2017 einen schönen Anzug aus dem Schrank, stauben Sie das Motorrad ab und melden Sie sich bei dieser tollen Veranstaltung an. Wer nicht selbst fährt, kann auch Sponsor werden und kommt garantiert an der Strecke auf seine Kosten!

Ihnen und Ihren Lieben möchte ich auf diesem Wege zudem ein wunderschönes Weihnachtsfest ohne Stress und mit viel Genuss wünschen, sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ihr Jörg Messerschmidt, Egoist

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Will mal kunterbunt!

Vielleicht ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass Politiker gerne immer wieder zur gleichen Krawattenfarbe greifen. Und während es die SPD verständlicherweise häufig zu Rot zieht, würde dieses Spiel für die CDU ja schon bedeutend schwieriger. Da hat die Farbe oft nichts mit der Parteizugehörigkeit zu tun, sondern möchte eine Aussage treffen oder dem Betrachter unterbewusst etwas suggerieren.

Die Farbenlehre ist beinahe so alt wie die Menschheit und immer wieder gab es stark mit Bedeutung belegte Farben – so etwa Gold für das Göttliche, Purpur für das Königliche im weltlichen und christlichen Sinn und so weiter. Spätestens in den 70er Jahren begann man intensiv zu forschen, welche Farben welche Gefühle in Menschen auslösen, etwa das ein warmes Grün beruhigend wirke und man es daher für angebracht hielt, Krankenhauszimmer in dieser Farbe zu streichen.

Ob man nun das Gegenüber im Vorstellungsgespräch subtil beeinflussen oder ein Statement setzen und sich seiner eigenen Stimmung entsprechend kleiden möchte, oder einfach nur einschätzen will, was der Herr am Podium heute zu verkaufen versucht – ein kleiner Einblick in die Farbenlehre ist interessant.

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Schwarz ist eher eine Frage des Anzugs, denn schwarze Krawatten sind nicht unbedingt zu 100 % alltagstauglich. Die Farbe steht für Vornehmheit und Exklusivität (wie man auch etwa zu besonderen Anlässen den schwarzen Zwei- oder Dreiteiler wählt), aber auch für Autorität und Macht. Deshalb sollte man die Farbe nur wählen, wenn man ganz bewusst Dominanz und Distanz ausstrahlen möchten.

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Grau wirkt sachlich und nüchtern. Der Vorteil: Es lenkt nicht vom Träger ab. Edel wird es mit einer perlgrauen Seidenkrawatte. Die zeigt Stil und legt gleichzeitig den Akzent auf die Person.

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Weiß steht für Reinheit und Leichtigkeit, wirkt edel und kommt auch bei besonderen Anlässen zum Einsatz. Ein blütenweißes Hemd kann auch für eine „reine Weste“ stehen. Die weiße Krawatte findet man aber eher am Hochzeitsanzug – eben als Zeichen der Reinheit und des Neubeginns – so weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.

Obama übernimmt Verantwortung für Wahlniederlage seiner Partei

Rot war lange Zeit ausschließlich den Herrschern vorbehalten. Es ist die emotionalste und stimulierendste Farbe, steht für Energie und Leidenschaft. Am Business-Outfit werden Sie Rot hauptsächlich an der Krawatte tragen. Dort ist es aber nicht gut aufgehoben, wenn Ihr Gesprächspartner sehr distanziert ist. In einer angenehmen Atmosphäre schafft es Vertrauen und  Wärme, steht aber auch für Dynamik. Das ist einer der Gründe, warum wir rote Krawatten bei vielen Politikern beobachten können – nicht nur bei denen, um deren Parteifarbe es sich dabei handelt. Rot kann aber aufgrund seiner Energie auch aggressiv wirken, im positiven Sinne jedoch den Eindruck eines „Machers“ vermitteln. Wir können davon ausgehen, dass Präsident Obama – der ja eher als Denker und Zögerer gilt – die Farbe ganz bewusst ausgewählt hat, aber in einem edlen, abgedunkelten Ton.

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Gelb ist an der Kleidung schwierig zu tragen, denn es strengt die Augen sehr an, wirkt auffällig und effektheischend. Es steht für Spontaneität, aber damit verbunden auch für Instabilität. Das hat sich aber noch nicht überall herumgesprochen.

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Grün wirkt erfrischend und jugendlich, es erinnert an den Frühling und an die Natur. Nachweislich wird es von Menschen als beruhigend wahrgenommen und ist somit sehr angenehm für das Auge.Wer Innovation und unkonventionelle Denkansätze verkaufen möchte, kann gut ein frisches Grün tragen.

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Blau wirkt ruhig, harmonisch und kontrolliert. Wenn Sie eine friedliche Atmosphäre erzeugen und souverän wirken möchten, greifen Sie zu einem blauen Anzug oder einer entsprechenden Krawatte. Das blaue Outfit erzeugt Vertrauen beim Gegenüber und lässt Sie würdevoll wirken.

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Lila ist nicht nur in der Farblehre eine Mischung aus Blau und Rot. Auch in der Bedeutung, beziehungsweise im Ausdruck, lässt sich das übertragen. Es wirkt ebenfalls souverän, dabei aber emotionaler.

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Braun assoziieren wir mit der Erde, daraus ergibt sich eine solide, bodenständige, natürliche Wirkung. Brauntöne wirken kommunikationsfördernd und lassen sich hervorragend mit Blau kombinieren.

Wie bei Lila, gilt auch bei anderen Mischfarben: In der Regel vermitteln sie die Eigenschaften der Farben, aus denen sie bestehen – je anteilig in der vorhandenen Menge.

Gerade die Krawatte bietet Ihnen die Möglichkeit, mit Farben Assoziationen zu wecken. Wenn Sie mit fundierten Argumenten überzeugen möchten, wählen Sie eine Krawatte in bodenständigen Erdtönen oder in souveränem Blau, keine in  aggressivem Rot. Bewerben Sie sich auf eine Stelle, in der es um Innovation und Zukunftsplanung geht, greifen Sie vielleicht zu einem frischen Grün.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Etwas hellere Töne wirken tendenziell eher offen und freundlich. Ist die Kleidung dunkler, schafft das mehr Distanz. Starke Kontraste in der Kleidung vermitteln Kompetenz und Durchsetzungskraft. Teamfähigkeit und Einfühlungsvermögen drücken Sie eher aus, wenn Sie sich Ton in Ton kleiden.

Natürlich kann man mit Farben nichts simulieren, was gar nicht vorhanden ist. Man kann aber auf jeden Fall unterstreichen und vielleicht auch die eigene Haltung unterstützen, gemäß dem Motto: Wer lächelt, wird glücklicher. Und nun die Preisfrage: Was möchte der folgende Herr uns mit seinem Outfit sagen?

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Weitere erbauliche und informative Tipps zum Thema Kleidung finden Sie in meinem Buch „Stil“!

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Die Tyrannei des Urlaubs

Der Sommer ist beinahe schon vorbei, zumindest nachts wird es schon wieder empfindlich kalt. Waren Sie auch im Urlaub?

Irgendwie habe ich den Eindruck, die guten alten Ferien werden nicht mehr als das genutzt, wozu sie einmal gedacht waren: Erholung. Vielleicht liegt das daran, das immer weniger Menschen körperlich arbeiten und im Urlaub dann eher einen Ausgleich anstatt einer Auszeit suchen. Oder wir übertragen unsere Erwartungen aus dem Berufsleben auf die Freizeit: größer, höher, weiter.

Wie früher mit der Familie an den Strand fahren? Undenkbar! Es muss schon mindestens der Machu Picchu erklommen, in New York geshoppt oder am Great Barrier Reef getaucht werden, je nach persönlicher Inklination. „Einfach nur entspannen“ ist total out – klar, das macht sich auch auf Instagram nicht so gut. Außer, man präsentiert ein perfekt gestyltes Cocktailglas neben perfekt gebräunten und bemuskelten Beinen auf der perfekten Strandliege. Und die perfekte Bräune und Bemuskelung erfordert wiederum eher ein Erklimmen des Machu Picchu als gepflegtes Faulenzen.

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Der viel bemühte Machu Picchu, hier mit einer Touristin aus Großbritannien 

Wer sich mal so richtig blamieren möchte, der verkündet in gepflegter Gesellschaft lauthals: „Ich war in Bayern, wandern!“ Nicht zum Höhentraining in Kenia, nichtmal wenigstens auf Sylt golfen – einfach nur wandern. In Deutschland. Wie spießig! Da kann man zehnmal erklären, dass dafür die Anreise kurz ist, man die Ruhe, die frische Luft und das Bergpanorama genießt. Bergpanorama gibt es schließlich auch im Himalaya, also warum in die Nähe schweifen!

Spaß beiseite – natürlich ist es heute einfacher als je zuvor, etwas von der Welt zu sehen. Und natürlich erweitert das den Horizont und sorgt für großartige Erfahrungen. Ich habe aber den Eindruck, dass wir immer mehr verlernen, auch einfach einmal zur Ruhe zu kommen. Eine Fähigkeit, die – hier muss ich leider die Plattitüde bedienen – in unserer schnelllebigen, digitalisierten Zeit durchaus von Nutzen ist.

Und: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Man kann auch einmal zum Machu Picchu und das andere mal an die Nordsee fahren. Ganz ohne Laptop, Handy und Instagram einfach in den Tag hinein leben, ohne den Zwang, etwas darstellen oder Ansprüche erfüllen zu müssen. Im Urlaub zählt nämlich nur ein einziger Anspruch an Glück und Zufriedenheit: unser eigener.

Und der könnte am Machu Picchu übrigens schwer enttäuscht werden. Denn wenn wir mit dem Ziel in den Urlaub fahren, etwas Großes und ganz und gar Unvergleichliches zu erleben, werden wir feststellen: In eben dieser schnelllebigen Zeit gibt es eigentlich nichts, was wir nicht schon hundertfach gesehen hätten. Und dann nicht, wie bei unserer Anwesenheit, mit Regenwolken und voller Touristen, sondern gephotoshopt wie ein Bikini-Model auf der Sports Illustrated – bigger than life.

Die Fähigkeit, uns zu wundern, scheint uns irgendwo auf dem Weg ins digitale Zeitalter abhanden gekommen zu sein. Aber manchmal kommt sie wieder zum Vorschein. Zum Beispiel, wenn wir ohne große Erwartungen und Pläne einfach mal eine Auszeit nehmen und das Leben genießen. Egal, ob in Bayern, an der Nordsee oder auf Cuba!

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Komplementär glücklich

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„Ton in Ton“ hat seine Reize, aber was unsere Augen wirklich anzieht, sind dann doch die Kontraste. Aber was genau macht die eigentlich so interessant?

Wenn ich hier von Kontrasten spreche, meine ich nicht wirklich Farben, nicht einmal unbedingt Mode. Wir alle haben sicher in unserem Freundes- oder Bekanntenkreis eine Dame, die Schuhe sammelt. Vielleicht lächelt man gemeinsam über dieses „Hobby“, der Partner verdreht sicher auch mal die Augen, wenn eine Immobilie danach ausgesucht wird, ob es Platz für ein Schuh-Zimmer gibt. Was aber, wenn wir dann erfahren, dass diese Dame in ihrer Freizeit kompetitiv Fußball spielt? Oder gerne an ihrem Oldtimer herumschraubt?

Das Gleiche gilt für den Bekannten, der in einer Führungsebene des örtlichen BankVersicherungEnergieversorgers arbeitet, in seiner Freizeit aber lernt, seiner kleinen Tochter kreative Flechtfrisuren zu machen.

Schaut man genauer hin, besteht eigentlich jeder Mensch aus Kontrasten. Wir alle müssen uns aber vielleicht immer mal wieder daran erinnern, diese zu umarmen und allen Teilen unserer Persönlichkeit die gleiche Akzeptanz entgegenzubringen. Ein glattes Image ist natürlich sicher und wenig angreifbar, aber auch schnell langweilig, während es viel authentischer ist, auch nach Außen hin etwas mehr von sich selbst zu zeigen.

Das sieht man meiner Erfahrung nach beispielsweise auch im heutigen Berufsleben, wo man sich angesichts der Konkurrenz-Situation mehr und mehr von anderen abheben muss, um seine Ziele zu erreichen. Nicht länger ist unauffällige Uniformität der Weg, der einen dabei am schnellsten vorwärts bringt.

Authentisch und offen zu sein, heißt ja nicht, dass man intime Geheimnisse preisgibt, es heißt einfach nur, zu zeigen, wer man ist – auch auf das Risiko hin, dass der Gegenüber vielleicht nicht mag, was er sieht (so lautet schließlich auch der Wappenspruch von Harper & Fields: demonstra quis sis – zeig wer du bist). Aber, wenn man es einmal auf das Berufsleben bezieht: Möchte man wirklich in einem Unternehmen arbeiten, in dem das, was die eigene Persönlichkeit ausmacht, nicht erwünscht ist? Macht es Sinn, sich zu verstellen, oder wartet man lieber auf die nächste Chance? Sind wir nicht eigentlich „too old for this shit“?

Sollten wir nicht, anstatt eine glatte Fassade zu pflegen, das kultivieren, was uns besonders macht? Das kann unsere Liebe zu einem ausgefallenen Hobby sein, eine Charaktereigenschaft, ein ausgefallener Geschmack und/oder sogar ein körperliches Merkmal. Um es ganz profan zu formulieren: Sie tragen eine Brille? Natürlich mag es eine Frage von Bequemlichkeit sein. Aber statt Kontaktlinsen zu kaufen, gehen Sie doch einfach einmal ins Fachgeschäft und kaufen sich das ausgefallenste Modell, das Ihnen noch gefällt und Ihnen steht. Statt gegen Haarausfall anzukämpfen, rasieren Sie sich einfach eine Glatze – zur passenden Garderobe kann das wirklich sehr attraktiv wirken. Statt Ihre Liebe zur Farbe unter dem Anzug zu verstecken, tragen Sie eben die schrill grünen Socken zusammen mit einem passenden Tuch oder einer Fliege in der selben Farbe.

Wer aus sich herausgeht, riskiert immer, abgelehnt zu werden – das liegt in der Natur der Sache. Er setzt ein klares „hier bin ich“-Statement und  kann sich nicht wie ein Chamäleon dem Gesprächspartner anpassen. Aber er wird sich auch aller Wahrscheinlichkeit nicht irgendwann in einer Lebenssituation wiederfinden, in der er nicht sein möchte, und sich fragen „Wie bin ich denn hier gelandet?“

Heutzutage wird gern gewettert über den von allen angestrebten Individualismus. „Jeder will etwas Besonderes sein!“, heißt es. „Keiner möchte mehr die Drecksarbeit machen“ – etwa im Arbeitsalltag. Aber Individualismus heißt ja nicht Hedonismus, im Gegenteil. Natürlich möchten wir alle etwas Besonderes sein, das liegt in der Natur des Menschen. Trotzdem sind wir doch in der Lage, auch mit widrigen Umständen zu leben. Für manche Menschen heißt Individualismus, dass man gerade zurückstecken muss. Wenn es unbedingt die Gesichtstätowierung sein soll, muss man eventuell akzeptieren, dass dies die Berufswahl ziemlich einschränkt (auf Tätowierer nämlich).

Studien bestätigen, was der gesunde Menschenverstand schon ahnte: Wer sich nicht verstellen muss, lebt glücklicher und zufriedener. Nicht umsonst gibt es etwa im bestimmten Umfeld mehr Selbstmorde etwa von Homosexuellen, wenn es gesellschaftlich unmöglich ist, seine persönlichen Wünsche und Bedürfnisse auszuleben (dies ist natürlich ein Extrembeispiel).

Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, möchte ich behaupten, dass zumindest eine der Ursachen für die heute so verbreitete Midlife-Crisis ist, dass das Leben uns in Formen und Positionen pressen möchte, die einfach nicht dem entsprechen, was wir sind. Das heißt nicht, dass unsere Form irgendwie „falsch“ ist. Und es heißt in den allermeisten Fällen auch nicht, dass unsere Form erst noch gebacken werden muss. Es bedeutet oft eher, dass wir uns ganz bewusst von dem verabschieden müssen, was wir als gegeben hingenommen haben, um uns für etwas ganz Neues zu öffnen. Meistens merkt man dabei, dass wir bisher vielleicht gar nicht so sehr unseren eigenen Wünschen entsprochen haben, sondern den Erwartungen der anderen. Noch öfter merkt man, dass Dinge, die man bisher beiseite geschoben hat, vielleicht gerade genau richtig sind! Und wenn nicht – na, dann hat man es wenigstens probiert und kann damit abschließen. Die Welt geht davon nicht unter, aber wir werden dabei ein Stück weiser! Wir lernen dabei nämlich etwas, was dieser Papagei schon lange weiß:
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Ein Dreieck ist und bleibt ein Dreieck. Man kann es mit Gewalt in ein Viereck hämmern, aber es wird dabei zerbrechen.

In diesem Sinne, viele Grüße von einem Menschen, der es vielleicht nicht immer jedem Recht macht, aber sich große Mühe gibt, stets authentisch zu bleiben!

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Unsterbliche Helden

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Mit leuchtenden Augen haben wir doch eigentlich alle mal als Kinder vor dem Fernseher gesessen, wenn unsere Helden über die Leinwand flimmerten. Ob Winnetou und Old Shatterhand, Bud Spencer und Terence Hill, Bruce Wayne oder Charles Bronson oder für die später geborenen das A-Team – sie waren cool, sie waren lustig und manchmal saßen wir mit angehaltenem Atem vor den alten Röhrenfernsehern, deren Größe beinahe von modernen Smartphone-Displays übertroffen wird. Tagelang wurde danach oft noch (mit Freunden, im FREIEN! Ein heute teils ziemlich ungewöhnliches Konzept) der Film nachgespielt, verändert, erneut durchlebt, und abends beim Einschlafen dachte man noch daran.

Die Filme meiner Kindheit haben sich mir deshalb ganz anders eingeprägt als alles, was ich in den letzten 20 Jahren gesehen habe. Fragen Sie mich, wann ich das letzte Mal im Kino war, so kann ich die Jahreszeit eher rekonstruieren als welchen Film ich gesehen habe, geschweige denn dessen Inhalt. Als Kind einen Film zu schauen, war nicht bloß „berieseln lassen“, sondern er nahm uns mit in eine andere Welt (auch ganz wörtlich gemeint), die heute sicherlich jedem Kind über diverse Medien und soziale Netzwerke zugänglich ist – damals war es etwas Besonderes.

Oft gab es danach viele Jahre kein Wiedersehen mit unseren Helden, aber es kommt der Zeitpunkt im Leben, wo man sich aus dem einen oder anderen Grund ein Stück unbeschwerte Kindheit zurück wünscht. Und dann besinnt man sich darauf, wie man damals gelacht, geträumt und mitgefiebert hat. Und manchmal kramt man dann einen der alten Filme heraus, die heute nur noch selten im Fernsehen laufen. Meistens wird leider schnell klar, warum das so ist.

In meinem Kopf laufen dann eigentlich zwei Filme parallel: Den einen sehen auch die anderen Zuschauer. Er hat schlechten Ton, eine mittelmiserable Bildqualität und der Humor ist irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Die Handlung macht nicht immer viel Sinn und die Charaktere sind – natürlich – recht flach, denn das macht einen guten „Kinder-“ Film nunmal aus: Es gibt die Guten und die Bösen, erstere beschützen die Schwachen und letztere sind einfach so richtig fies und gemein.

Den anderen Film sehe nur ich. Er läuft vor meinem inneren Auge ab und erinnert mich daran, wie ich mich damals gefühlt habe, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Dass es ein heißer Sommer war, in dem ich vom Fahrrad gefallen bin und eine Platzwunde am Kopf hatte und unsterblich in, nennen wir sie mal Michelle aus der 5b, verliebt war. Wie ich mit meinen Freunden über Sandhügel geklettert bin und mir vorgestellt habe, es sei der Wilde Westen.

Beide Filme zusammen machen traurig und ein bisschen enttäuscht. Dass die Helden der Jugend gar nicht mehr so groß sind, wie man sie in Erinnerung hatte – einige davon sind leider bereits verstorben oder inzwischen zumindest alte Männer. Und dass wir heute nicht mehr in der Lage sind, auf die einzigartige Weise der Jugend alles um uns herum auszublenden und den Wilden Westen absolut realistisch aus einem Sandhaufen entstehen zu lassen.

Stattdessen sollten wir eigentlich dankbar sein. Dafür, dass es unsere Helden gab und sie uns magische Momente in der großen weiten Welt gezeigt haben. Und dankbar dafür, dass wir in einer Zeit aufgewachsen sind, in der es das Größte war, sonntags einen Film zu schauen – und den Rest der Zeit draußen in der Natur mit unseren Freunden zu spielen und unsere Kindheit so richtig auszukosten. Denn wenn man sich anschaut, womit viele Kinder heute ihre Zeit verbringen, dann fragt man sich, an was diese sich in 30 Jahren zurück erinnern. Vermutlich an eine unaufhörliche Aneinanderreihung leuchtender Displays.

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